alternative Theater Deutschland

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12 Dec

Der Reiz des Groschenromans


Der Groschenroman kann stolz auf eine recht lange Tradition zurück blicken und erfreut sich nach wie vor großer Beliebtheit. Manchmal verächtlich als Schundliteratur bezeichnet, wartet er jedoch mit einem dem Genre innewohnenden Charme auf, der nach wie vor seine Leser begeistert. Woche für Woche, gar mehrmals wöchentlich, stürzen sich seine Fans auf die neusten Erscheinungen und können es kaum erwarten, ihre Lektüre zu beginnen.

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Der klassische Groschenroman ist ein Heftchen von bescheidenem Umfang, das sich bequem bei einer kurzen Bahnfahrt oder in einer längeren Mittagspause lesen lässt. Eine bunte Illustration von einem halbnackten Helden und einer in seinen Armen bebenden vollbusigen Schönen ziert oft das Umschlagbild, darunter verlockt eine reißerische Schlagzeile dazu, begierig mit dem Lesen anzufangen.

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Es gibt dabei zwei Typen von Groschenromanen: die Serie und die Reihe. Bei der Serie erlebt ein klassischer Held ein Abenteuer nach dem anderen, und wöchentlich fiebert der Fan dem nächsten entgegen. Berühmte Beispiele, die sogar den Sprung auf die Leinwand geschafft haben, sind der Science-Fiction-Held Perry Rhodan und der FBI-Agent Jerry Cotton.

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Der Typus Reihe ist eher thematisch sortiert und bietet Bereiche wie den Liebesroman, den Arztroman, den Wildwestroman oder den Fürstenroman. Hier erleben wechselnde Protagonisten ihre Prüfungen und Abenteuer, wobei das Happyend natürlich immer garantiert ist.

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Der Groschenroman arbeitet mit absoluten Stereotypen – und das ist es wahrscheinlich, was den Reiz ausmacht. Der Gute ist immer nur gut, der Held hat keine Schwächen, die leidende Schöne ist absolut liebreizend und makellos. In dieser Welt ist Schwarz noch Schwarz, und das Weiß strahlt nur so, es gibt keine Grautöne. Kein deprimierender Realismus schleicht sich ein, keine Political Correctness verdirbt einem den Spaß.

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Wie in Hollywood geht es im Groschenroman immer um große Gefühle, die in voller Intensität ausgelebt werden. Da stört es kaum, dass die Heldin vielleicht keine Geistesriesin ist; wenn sie schluchzend mit wogendem Busen und Haaren, die wie Goldgespinst in der Sonne leuchten, dem verloren geglaubten Geliebten nachtrauert, trauert der Leser mit ihr.

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Das Geheimnis des Groschenromans ist es wohl, dass er das Kind in uns anspricht. Kinder lieben ebendiese Geschichten mit leicht erkennbaren Stereotypen, ordentlichem Schwarz-Weiß-Denken und großen Gefühlen, bei denen sie mit fiebern können. Und ab und zu ist ein Ausflug in die vergangene Zeit der Kindheit einfach sehr erholsam und unterhaltsam – den neuen Roman des intellektuellen Bestsellerautors, bei dem das Lesen harte Arbeit bedeutet, können wir ja dann am Wochenende lesen. Für die Bahnfahrt ist der Groschenroman vielleicht die bessere Wahl.


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06 Sep

Jane Austen – modern wie eh und je


Jane Austens Werke wurden schon zu ihrer Entstehungszeit vom Publikum und den Kritikern sehr geschätzt. Ihr zentrales Thema ist immer eine junge Frau aus der gutbürgerlichen Mittelschicht, die unter Schwierigkeiten auf der Suche nach dem richtigen Mann ist, mit dem sie ihr Leben teilen kann.

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Damals war eine passende Heirat die einzige Möglichkeit für eine junge Frau, sich eine gesicherte Stellung in der Gesellschaft zu verschaffen, ansonsten fristete sie als alte Jungfer ihr Leben mehr oder weniger am Rande ihrer Gesellschaftsschicht. Die Auswahl eines Heiratskandidaten oblag üblicherweise den Eltern, nur sehr fortschrittliche Väter gestatteten es ihren Töchtern, ihre eigene Neigung mit ein zu bringen.

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Diesen sich immer wiederholenden Plot nutzt Jane Austen jedoch dazu, nicht nur eine Liebesgeschichte zu schreiben, sondern mit subtilem Humor und bissigen Seitenhieben die gesellschaftliche Moral zu hinterfragen und heuchlerische Verhaltensweisen bloß zu stellen. Das macht ihre Romane nicht nur sehr unterhaltsam und zu einem absoluten Lesevergnügen, sondern es erzeugt auch immer wieder Betroffenheit und Nachdenklichkeit beim Leser.

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In manchen Szenen erkennt man sich selbst und muss sich dann beschämt fragen, ob man ebenfalls einer Doppelmoral anhängt oder sich und anderen Menschen um des Scheins willen etwas vorspiegelt. Das eigene idealisierte Bild wird liebevoll, aber unerbittlich demontiert und der Spiegel des Realismus vorgehalten, der einem die Wahl gibt, weiter auf dem Pfad der Selbsttäuschung zu wandeln oder aber sich zu besinnen und zu mehr Ehrlichkeit zu bekennen.

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Diese Art der Kritik an Gesellschaft, Moral und Verhalten ist zeitlos und behält dadurch einen aktuellen Bezug. Die Entlarvung von Dünkel und Stolz, das Aufzeigen von Neid und Eigennutz, die unter dem Mäntelchen der Hilfsbereitschaft daher kommen, der gnadenlose Vorrang, der dem Geld vor moralischen Verpflichtungen gegeben wird, all dies präsentiert Jane Austen in formvollendeter Sprache mit untergründigem Humor. Und der moderne Leser spürt, dass er genau so angesprochen ist wie die Ladys und Gentlemen vergangener Zeiten, da sich die menschliche Natur nicht geändert hat.

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Jane Austens hervorragende Beobachtungsgabe belohnt den Leser mit meisterhaften Charakterporträts und unvergesslichen Dialogen, die eine starke emotionale Kraft haben. Ihr feiner Humor nimmt den bissigen Seitenhieben die Schärfe und zeigt auf, dass sie ihre Mitmenschen nicht verbittert, sondern durchaus mit Verständnis betrachtet.

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Durch die vielen Verfilmungen ihrer Werke auch in jüngster Zeit ist sie wieder sehr populär geworden. Es lohnt sich aber auf jeden Fall, neben den Filmen auch zu ihren Büchern zu greifen, um sich vom Zauber ihrer Werke entführen zu lassen.


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06 Sep

Goethes Faust – modern und nicht jugendfrei inszeniert


Goethes Tragödie um einen Menschen, der für die Erlangung innerer Zufriedenheit dem Teufel seine Seele verkauft, wird seit zwei Jahrhunderten immer wieder aufgeführt und inszeniert. Der Stoff hat nichts an Aktualität verloren, im Gegenteil, es scheint, dass in den heutigen orientierungslosen Zeiten sich immer mehr Menschen in einer Lage wie Faust befinden.

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Der Inszenierungen gibt es viele. Sehr häufig findet man die klassischen Inszenierungen, die der Entstehung des Stückes Rechnung tragen – es wurde 1808 veröffentlicht. Aber so ein Stoff reizt natürlich auch zu Experimenten. So wurde der Faust schon mit Musikbegleitung inszeniert, in moderne Sprache übersetzt oder in einem zeitgemäßen Szenario aufgeführt, in dem Faust dann der frustrierte Computerexperte ist und Mephisto und Gott im Cyberspace wohnen.

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Eine moderne Inszenierung des Faust in einem kleinen Avantgardetheater hatte es sich zur Aufgabe gemacht, bei ihrer Interpretation des Stückes alle Grenzen zu sprengen und ihm ganz neue Dimensionen abzugewinnen. In dieser Inszenierung spielt die Tragödie in der Jetztzeit, und Faust ist ein sexuell frustrierter Biologe, der zwar alles über den Körper weiß, jedoch nichts darüber, wie man ihm Vergnügen abgewinnt. Dies verspricht ihm Mephisto für den Verkauf seiner Seele – einen unablässigen Rausch der Sinne.

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Das zentrale Thema dieser Inszenierung war daher das Thema Sex und unbefriedigte Lust und zog sich dominant durch alle Szenen. In jeder Szene waren immer nackte Körperteile präsent – Plakate mit nackten Frauen an den Kulissen, Statisten, die leicht bekleidet waren, ein Paar, das sich im Hintergrund der sexuellen Liebe hingibt. Diese sexuelle optische Präsenz steigerte sich im Verlauf des Stückes immer mehr.

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So waren bei der Szene im Auerbacher Keller alle beteiligten Darsteller oberhalb der Taille korrekt bekleidet, unterhalb der Taille trugen sie allerdings nichts. Das führte dann endlich doch zu einigen erschrockenen Ausrufen im Publikum, ein Teil beschloss auch, die Aufführung zu verlassen. Auch Gretchens Verführung und die Walpurgisnacht wurden auf eine Weise dargestellt, die an Realismus und Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig ließ.

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Sicher muss das moderne Theater Grenzen überschreiten und den Zuschauer auch einmal schockieren. Dabei sollten jedoch das eigentliche Thema und die zentrale Aussage eines Stückes nicht verloren gehen und das Schockieren nicht zum Selbstzweck werden. Wird das Publikum jedoch von Entsetzen und Scham so okkupiert, dass es für etwas anderes nicht mehr aufnahmefähig ist, ist das Ziel wohl verfehlt worden.

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Daher hat diese Inszenierung vielleicht bewiesen, dass sich Goethes Faust vielleicht als erfolgreicher Pornofilm umsetzen ließe. Aber Sexualität in obszöner Weise nur als schockierendes Element zu zeigen, welches das Thema des Stückes aber nicht weiter intensiviert, kann man nur als sensationslüsterne Geschmacklosigkeit bezeichnen.

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Zu Recht wurde diese Inszenierung nur wenige Male aufgeführt und verschwand dann im Dunkel der Vergessenheit. Und über den Namen des Etablissements legt man am besten gnädig den Mantel des Schweigens.


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14 Aug

Ist das Theater noch eine zeitgemäße Kunstform?


Immer mehr Theater schließen in den Städten, und schon längst könnten sie ohne Subventionen nicht mehr überleben. Trotz dieser Subventionen müssen die Häuser sparen und können nicht all die Aufführungen bringen, die sie gerne anbieten würden. Zudem erlaubt das schmale Budget oft nur sehr sparsame Inszenierungen. Hat sich das Theater nach jahrtausendealter Tradition in unserem Jahrtausend endgültig überlebt?

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Seit die Bilder laufen lernten, ist der Film der größte Konkurrent des Theaters. Die stete Verbesserung der Technik macht das Seherlebnis immer realistischer, die immense Verbreitung erzeugt eine überwältigende Präsenz. punkten doch auch das Fernsehen und das Internet mit Filmen in HDMI-Qualität. So haben sich die Menschen daran gewöhnt, dass ihnen Geschichten so realistisch und erlebnisnah wie möglich erzählt werden.

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Das Theater wahrt die Distanz. Es gibt keine 3D-Effekte und Dolby-Surround-Systeme, die den Anschein einer falschen Wirklichkeit erzeugen. Die Kulissen sind deutlich als solche erkennbar, das Pappmaché will auch gar nichts anderes vortäuschen. Die Sprache unterscheidet sich meist deutlich von der normalen Alltagssprache und ist eine eigene Kunstform innerhalb des Theaterspielens.

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Emotionen werden oft sehr stark übertrieben dargestellt, die Handlungen erheben keinen Anspruch auf Realismus. Und zudem kann man sich für den trotz der Subventionen meist happigen Preis einer Theaterkarte gleich eine ganze Serie auf Bluray kaufen, die einen viel längeren Sehgenuss verspricht.

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Und doch wird sich das Theater weiterhin behaupten. Viele Menschen schätzen an dieser Kunstform gerade das, was sie von den modernen Medien unterscheidet. Sie ist ehrlich, sie täuscht nicht eine falsche Wirklichkeit vor. Aber sie entführt in andere Denk- und Gefühlswelten, gibt durch ihre Andersartigkeit Denkanstöße und kann Sichtweisen aufzeigen, die im normalen Alltag untergehen.

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Es ist eine Aufgabe der Kunst, nicht nur zu unterhalten, sondern auch Horizonte aufzuzeigen und neue Perspektiven und Sichtweisen darzulegen. Und somit wird der Vorhang auch in Zukunft wohl noch oft fallen.


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14 Aug

„Cryptonomicon“ von Neal Stephenson


Der hochgelobte Autor der Barock-Trilogie, die 2003 bis 2004 veröffentlicht wurde, hat mit seinem Cryptonomicon den Vorläufer dazu vorgelegt, den er 1999 geschrieben hat. Auch dieses Werk ist in Umfang und Sprachbrillanz schon barock zu nennen, obwohl es in der Jetztzeit spielt. Wer die Trilogie zuerst gelesen hat, wird die Namen Shaftoe, Waterhouse und Goto wiedererkennen; die Protagonisten der Trilogie sind wohl die entfernten Vorfahren der Mitspieler aus Cryptonomicon.

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In Cryptonomicon ziehen barocke Verhältnisse in die Neuzeit ein. Es gibt auch hier Schurken, mächtige Internetfürsten, smarte und pfiffige Gauner und echte Helden sowie verfolgte Schönheiten, nur tummeln sie sich in der Informationstechnologie und ringen um Datenübertragung, Verschlüsselung und modernste Technologie. Aber auch einen sagenhaften echten Goldschatz muss der Leser nicht vermissen, die vergrabenen Goldbarren hat Stephenson geschickt mit in seine moderne barocke Geschichte eingebaut.

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Stephenson versteht es exzellent, seine üppigen Geschichten bezüglich Zeit und Perspektivenwechsel zu verschachteln, ohne dass der Leser den roten Faden verliert. So springt er von der Zeit des zweiten Weltkriegs in die Jetztzeit, in jeder dieser Epochen wechselt er episodenweise von Protagonist zu Protagonist. Dadurch werden seine Werke von beeindruckendem Umfang (immerhin hat das Cryptonomicon in der gebundenen Ausgabe stolze 1180 Seiten) immer wieder mit neuen Spannungsmomenten versehen und verlieren auch in dieser manchmal ausufernden Erzählweise nie die Aufmerksamkeit des Lesers. Er erlaubt sich ausgedehnte Ausflüge in die Mathematik, die Kryptologie und die Informationstechnologie, ist doch zum Beispiel Alan Turing, einer der frühen Theoretiker der Computertechnologie, einer seiner Protagonisten.

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Bei diesen Passagen fordert Stephenson seine Leser sehr wohl, muss man sich doch stark konzentrieren, will man ihm auf diesen Exkursen folgen. Doch versteht er es sehr gut, anhand praktischer Beispiele auch einem absoluten Laien eine komplexe Materie zu erklären. Und er scheint einen guten Instinkt dafür zu haben, wie lange er den Leser damit fordern darf, und wann wieder eine kleine aktionsreiche Heldentat angesagt ist.

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Daher ist Cryptonomicon nicht nur eine faszinierende, spannend geschriebene Abenteuergeschichte, sondern fast nebenbei und unbemerkt lernt der gefesselte Leser eine Menge über die verschiedenen Aspekte moderner Informationstechnologie. Man kann dem Autor nur weiter viel Zeit zum Schreiben wünschen.


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26 Jun

Frank Schätzings „Limit“


Der Autor Frank Schätzing hat sich mit seinem Epos „Der Schwarm“ auf die internationalen Bestsellerlisten katapultiert, und auf die angekündigte Verfilmung wartet die Fangemeinde gespannt. Sein neuestes Werk „Limit“ folgt dem Schwarm insofern, als Schätzing auch hier wieder mit der Extrapolation modernster Technik und Wissenschaft spielt und ein denkbares Szenario aufbaut, dessen Möglichkeiten er auslotet.

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In “Limit” ist es den Wissenschaftlern gelungen, eine Faser zu entwickeln, die einerseits extrem dünn und somit leicht, andererseits aber enorm belastbar ist. Mittels dieses Materials wurde es möglich, einen Aufzug in den Orbit zu bauen, der in einen Raumhafen mündet. Von dort aus ist die Exploration des Weltraums quasi ein Kinderspiel, da die größte Schwierigkeit – die Überwindung der Schwerkraft – schon gemeistert ist. Ein Raumschiff, das gleich im All startet, kann natürlich ganz anders konstruiert werden als eines, das Schwerkraft und Atmosphäre überwinden muss.

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So werden von dieser Ausgangsbasis aus die Ressourcen des Alls, speziell einige Bodenschätze des Mondes, ausgebeutet. Der Aufzug in den Orbit, der die Voraussetzung dafür ist, gehört einem reichen Privatmann, der den Zugang kontrolliert. Das ruft natürlich viele rivalisierende Parteien auf den Plan, und eine Zusammenkunft wichtiger Personen auf dem Mond setzt eine Kette von Ereignissen in Gang, die unaufhaltsam auf eine Tragödie zusteuert…

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Frank Schätzing erzählt seine Geschichte souverän, handhabt seine vielen verschiedenen Handlungsstränge virtuos und versteht es, wissenschaftliche Fakten unterhaltsam, verständlich und schlüssig unterzubringen. Allerdings gönnt er sich stellenweise ein sehr langsames Erzähltempo, besonders der Beginn des 1300 Seiten langen Romans verlangt dem Leser viel Geduld ab, springen doch die Handlungen von einem Protagonisten zum anderen, ohne dass schon ein Zusammenhang erkennbar wäre. So richtig Fahrt nimmt der Roman erst nach 400 Seiten auf – und das ist sicher für viele Leser ein wenig spät. Dann zieht das Erzähltempo jedoch rasant an, und über mangelnde Spannung kann man sich nicht mehr beklagen.

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Fazit: ein interessanter Zukunftsroman, der beklemmend realistisch ist, könnte doch in wenigen Jahren das erdachte Szenario Wirklichkeit werden. Ein strengerer Lektor mit einem kräftigen Rotstift hätte dem Roman allerdings sehr gut getan, um Schätzings Neigung zu ausführlichen Exkursen ein wenig in Schach zu halten. Mit 1000 Seiten würde der Roman sicher auch den ungeduldigen Leser in seinen Bann ziehen können.


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26 Jun

Die Wächterserie von Sergej Lukianenko


Nachdem die belletristischen Genres Fantasy, Mystery und Science Fiction lange Zeit ein eher kümmerliches Schattendasein für Liebhaber geführt haben, ist diese Literatursparte spätesten seit Harry Potter wieder aufgeblüht und erfreut sich wachsender Beliebtheit. Die in Russland schon vor langer Zeit durch Isaac Asimov und die Brüder Strugatzki begründete Tradition der Science Fiction und Phantastik wird von jungen russischen Autoren aufgegriffen und erfolgreich fortgeführt. Der russische Kultautor hat mit seiner Wächterserie auch im Ausland große Erfolge feiern können.

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Sergej Lukianenko tummelt sich sowohl in der Science Fiction als auch im Bereich der Fantasy, dort ist auch seine Trilogie über die Wächter des Tages und der Nacht angesiedelt. In Moskau, in denen viele der einzelnen Episoden spielen, gibt es die magische Tag- und die Nachtwache. die jeweils die Seiten von Licht und Schatten, von Gut und Böse repräsentieren. Gemeinsam wachen sie abwechselnd darüber, dass das fragile Gleichgewicht zwischen ihnen aufrecht erhalten wird, obwohl jede Seite natürlich immer wieder versucht, das Ruder zu ihren Gunsten herum zu werfen.

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Die Wächter sind ein buntes Volk von Hexen, Magiern, Vampiren, Gestaltwandlern, Werwölfen und anderen Zwitterwesen, die sich jeweils dem Licht oder dem Dunkel verschrieben haben. Der Hauptprotagonist Anton ist zu Beginn der Trilogie ein recht einfacher Magier der ersten Stufen, der gerade seinen Dienst in der Nachtwache antritt. Im Lauf der drei Bände entwickelt er sich nicht nur zu einem sehr starken Magier, sondern er macht auch verschiedene innere Wandlungen durch.

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Der Reiz an Lukianenkos Wächtertrilogie ist sicherlich zum einen eine stimmig geschilderte Phantasiewelt, die allerdings im realen Moskau angesiedelt ist. So wird immer wieder der russische Alltag geschildert, der von den nicht ganz menschlichen Protagonisten nur etwas anders gestaltet wird. Aber sie essen und trinken genau so gerne wie die rein menschlichen Russen auch. Lukianenkos Liebe zu seinem Heimatland und seiner Kultur werden immer wieder sehr deutlich, ohne dass er seine Augen vor negativen Seiten verschließt. Das führt zu einer sehr lebendigen und lebensnahen Atmosphäre, die auch die Charaktere schillern lässt.

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Zum anderen verlässt Sergej Lukianenko sehr schnell die klar definierten Bereiche von Schwarz und Weiß und begibt sich zügig in die Welt der Mehrdeutigkeit und der Grautöne. So ist sein Protagonist Anton, zu Beginn noch von einem einfachen Verständnis der beiden feindlichen Seiten geprägt, sehr schnell von Zweifeln und Unsicherheit gepackt und muss erkennen, dass die Welt diese einfache Zweiteilung nicht bieten kann. Das führt dazu, dass der Leser sich mit Figuren beider Seiten identifizieren kann, weil beide Standpunkte jeweils eine gewisse Berechtigung haben.

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Fazit: eine gelungene Erzählung mit interessanten Charakteren, die auch den Nicht-Fantasyleser durchaus fesseln kann.


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02 Aug

Hexenkessel Hoftheater


Idyllisch gelegen gegenüber dem “Bode-Museum” am Monbijoupark befindet sich die Spielstätte des „Hexenkessel-Hoftheaters“. Seit 2008 wird hier in dem aus Holz bestehendem Amphitheater von Frühjahr bis Herbst alternatives Volkstheater aufgeführt.
Gegründet wurde das „Hexenkessel-Hoftheater“ bereits 1994 in einem Hinterhof eines besetzten Gebäudes an der Schönhauser Allee. Da der Hinterhof sowohl von wildwuchernden Pflanzen umgeben war als auch gleich an ihn ein Schrottplatz angrenzte, hatte der Hinterhof gerade gegen Abend eine mystische Aura, weswegen das Theater-Ensemble auf den Namen „Hexenkessel-Hoftheater“ kam. 1998 war jedoch das mietfreie Wohnen endgültig vorbei und man musste sich nach einer neuen Spielstätte umschauen, wo man auf dem Gelände des damaligen einsturzreifen Ateliergebäude „Kunst + Technik“, direkt vor dem “Bode-Museum”, ein neues Zuhause fand.

Damals wie heute sehen sich die Ensemblemitglieder des “Hexenkessel-Hoftheaters” als Volkstheater-Shakespeareianer an. Das heißt nichts anderes, dass sie vorwiegend Stücke von Shakespeare aufführen und diese in der Tradition der „Commedia dell’arte“ inszenieren. Deshalb wird von der klassischen Vorlage nur die Kerngeschichte beibehalten und mittels Improvisationen ausgefüllt. Die Aufführungen des „Hexenkessel-Hoftheaters“ sind dadurch absolut fern von steifem akademischen Literaturtheater. Gemäß der Volkstheater-Tradition sind die Inszenierungen dagegen sehr direkt und beziehen oft den Zuschauer in die Improvisationskunst mit ein. Auch sind sie weniger auf den Intellekt zielend, sondern eher auf Gefühle und Emotionen aus. Dem Ensemble des „Hexenkessel-Hoftheaters“ ist es sehr wichtig, dass die Zuschauer sehr viel Spaß an der Inszenierung haben und das Amüsement denkbar groß ist. Aber nichtsdestotrotz wird hierbei stets darauf geachtet, dass die originale Geschichte weitererzählt wird und deutlich erkennbar bleibt sowie der Unterhaltungswert niemals zu sehr ins Triviale abdriftet. Allein schon die sich vor keinem Klassiker-Theater verstecken müssenden Schauspielerleistungen des „Hexenkessel-Hoftheaters“ offenbaren, dass hier modernes Volkstheater mit hohem Niveau gemacht wird. Ein weiterer Beleg für die Klasse des Theaters sind die durchgängig sehr hohen Besucherzahlen als auch der mittlerweile sehr große Bekanntheitsgrad innerhalb Berlins.
Wenn das Amphitheater während des Winters geschlossen ist, muss man trotzdem nicht auf Aufführungen des „Hexenkessel-Hoftheaters“ verzichten. Denn direkt an das Amphitheater angrenzend ist ein Bunkerdach errichtet worden, in dem das Ensemble eine sogenannte Märchenhütte ins Leben gerufen hat. Anstelle des großen englischen Dramatikers hat sich das Ensemble hier hauptsächlich den Grimm’schen Märchen verschrieben und natürlich wiederum überaus originell neuinszeniert – aber sowohl für Kinder als auch für Erwachsene.


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30 Jul

Julia und Romeo Hexenkessel Hoftheater


Ein derzeitiges Theater-Highlight in Berlin ist, ohne Frage, die Inszenierung „Julia und Romeo“ im Hexenkessel-Hoftheater (www.hexenkessel-hoftheater.de). Denn die Aufführung ist vor allem eines: eine überaus originelle und sehr unterhaltsame Neuinterpretation der klassischen Vorlage von Shakespeare.

Da man in dem Open-Air-Amphitheater in einem aus verschiedenen Sitzreihen gestaffelten halbrunden Kreis sitzt, unterliegt man anfangs auch dem Glauben hier klassisches Theater geboten zu bekommen. Wenn man jedoch auf die drei bizarr kleinen und verhext wirkenden Bühnen schaut, die mittels einer symmetrischen Holzkonstruktion über drei Etagen angeordnet sind, dann weiß man: In diesem Hexenkessel wird sehr innovatives Theater gemacht.

Schon zu Beginn der Aufführung offenbart das allseitige Gelächter innerhalb des Publikums, dass bei der Shakespeare’schen Tragödie „Romeo und Julia“ weit mehr verändert wurde als nur den Namen der weiblichen Protagonistin vor den des männlichen zu stellen. Denn mittels überaus witzigen Improvisationen werden die Zuschauer sofort in die Aufführung mit einbezogen (wie z.B.: Romeo will nicht weiter seinen Monolog aufsagen und hört damit frustriert auf, da er zum mehrfachen Mal durch zu spät gekommene Zuschauer gestört wird. Daher versucht Tybalt, der Vetter Julias, den Monolog zu Ende zu bringen, wobei er aber vergisst, dass ja dadurch die Personenperspektive nicht mehr stimmt). Was zudem von Anfang an sehr komisch wirkt, sind die teilweise von ihrem Aussehen (Mercutio, ein Freund Romeos, hat etwa eine irre Gothic-Frisur) und ihren Kostümen (Julias Amme trägt z.B. ein kitschiges Dirndl) her sehr flippigen Schauspieler.

Auch wenn vieles von der originalen Geschichte extrem verändert wurde, so wird trotzdem von Beginn der Inszenierung an versucht, mittels der Verwendung der werktreuen Verssprache, die Kerngeschichte zu erzählen. Bis zur Pause der Aufführung geschieht dies aufgrund des eher positiven Verlaufs bei Shakespeares „Romeo und Julia“ hauptsächlich komisch bis saukomisch. Kurz vor der Pause hat dann aber die Aufführung den Höhepunkt und gleichzeitigen Endpunkt des Komödienteiles erreicht, da das Publikum zum Gehen aufgefordert wird. Schließlich steht ja der Vermählung Romeos und Julias nach der Zustimmung von Julias Vater auch nichts mehr im Wege. Und daher ist laut der Schauspieler die Komödie auch zu Ende! Wenn man jedoch jetzt weiter auf seinen Plätzen sitzen bleibt, so die Schauspieler weiter, dann wird die Geschichte fortan einen überaus tragischen Verlauf nehmen. Da die Zuschauer natürlich nicht gehen, sehen sie fortan nach der Pause eine weitestgehend sehr dramatische Geschichte, in der es wenig zu lachen gibt. Denn es sterben und sterben und sterben innerhalb „Julia und Romeo“ um einiges mehr an Personen als in „Romeo und Julia“.

Wenn die gut zwei Stunden (inkl. einer zehnminütigen Pause) von „Julia und Romeo“ im Hexenkessel-Hoftheater vorbei sind, dann hat man zugleich eine Komödie und ein Tragödie gesehen, die anfangs rotzfrech und später dramatisch ist. Die ganze Zeit über ist die Inszenierung aber vor allem, nicht nur aufgrund der grandiosen schauspielerischen Leistungen, eine hochklassige Neuinterpretation des bekanntesten Shakespeare-Klassikers.


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27 Jul

Monsun Theater Hamburg


In den alten Gemäuern einer ehemaligen Senffabrik hat sich das Monsun Theater niedergelassen. Es ist das älteste Hamburger off-Theater und schon seit dem Jahr 1979 bespielen die Schauspieler die Bühne und ziehen das Publikum in ihren Bann. Dabei werden Stücke aus allen Genres aufgeführt, egal ob Drama oder Komödie und das Theater schreckt auch nicht vor unkommerziellen Projekten zurück.

Das Monsun Theater Hamburg hat sich über die Jahre vorwiegend auf Inszenierungen aus den Bereichen Sprech-, Musik- und Tanztheater spezialisiert, veranstaltet aber auch regelmäßig eine One-Man-Comedy-Show sowie klassische Lieder- und Gedichtabende. Einen besonderen Schwerpunkt stellt das Theater für Kinder dar. Für die jungen Besucher werden im Monsun Theater Hamburg sehr erfolgreich Kinderopern aufgeführt und Märchen und Geschichten aus Kinderbüchern auf die Bühne gebracht.

Regelmäßig lädt das mit nur 79 Sitzplätzen relativ kleine Monsun Theater Hamburg auch zu verschiedenen Seminaren und Workshops ein. Interessierte können sich auch bei einem Tanzkurs oder beim Gesangs- und Schauspielunterricht von erfahrenen Lehrern und Theaterleuten viel Neues beibringen lassen. Auf der Debütbühne bekommen unterdessen junge Nachwuchsschauspieler die Chance, vor Publikum aufzutreten und ihr schauspielerisches Können unter Beweis zu stellen. Weil es aber nie genug Veranstaltungen geben kann, organisiert das Monsun Theater Hamburg sogar einmal im Monat eine Tango- Nacht und den Literatursalon, wo Lesungen und Vorträge zu gegenwärtiger und klassischer Literatur stattfinden.

Das Haus stellt hohe Ansprüche an sich und seine Mitarbeiter und ist als privat geführtes Theater stark auf Spenden seiner Besucher angewiesen. Theaterliebhaber, die sich zum Spenden und somit zum Beitritt in den sogenannten „Freundeskreis“ entscheiden, helfen die kulturelle Diversität des Monsun Theaters Hamburg am Leben zu erhalten und bekommen neben einer Platzreservierung noch manch andere Vergünstigung beim nächsten Theaterbesuch. Das Schauspielhaus freut sich auch über jeden, der sich gern rund ums Theater ehrenamtlich engagieren will, denn fleißige Helfer braucht es immer.


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